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Mann über Bord, die ersten dreißig Sekunden
Ein Mensch im Wasser ist nach zwei Minuten kaum noch zu sehen, selbst bei ruhiger See. Deshalb entscheidet nicht die Eleganz des Manövers, sondern was in den ersten dreißig Sekunden geschieht.
Die ersten Handgriffe
Laut rufen, damit alle wissen, was los ist. MOB-Taste am Plotter drücken. Rettungsmittel werfen, auch wenn es weit erscheint: es markiert die Stelle und gibt Auftrieb.
Der Ausguck
Eine Person zeigt mit ausgestrecktem Arm auf den Menschen im Wasser und tut sonst nichts. Nicht bedienen, nicht funken, nicht helfen. Wer den Blick einmal löst, findet die Stelle meist nicht wieder.
Das Manöver
Q-Wende oder Münchner Manöver, beides funktioniert. Wichtiger als die Wahl ist, dass die Crew eines davon kennt und es einmal im Jahr an einem Fender geübt hat. Angefahren wird aus Lee, mit Fahrt aus dem Schiff.
Das Anbordholen
Das ist der Teil, den fast alle unterschätzen. Ein nasser Erwachsener wiegt weit über hundert Kilo und kann selten mithelfen. Wer keine Badeleiter erreicht, braucht Großfall, Talje oder Bergenetz, und die müssen vorher klar sein.
Person über Bord auf dem Segelboot: was ein Mann-über-Bord-Manöver leisten muss
Jedes Mann-über-Bord-Manöver hat drei Aufgaben: das Boot schnell in die Nähe der Person bringen, dort fast ohne Fahrt zum Stehen kommen und die Person sicher an der Bordwand halten. Ob das gelingt, hängt weniger vom Namen des Manövers ab als davon, wie gut die Crew das eigene Boot bei wechselndem Wind kennt.
Wichtig ist der Unterschied zwischen Sicht und Position. Solange jemand die Person im Wasser sieht, fahren Sie nach Sicht. Erst wenn der Blickkontakt verloren ist, wird die gespeicherte Position aus dem Plotter zur wichtigsten Hilfe. Beides gehört zusammen und ersetzt sich nicht gegenseitig.
Auf kleinen Booten mit zwei Personen an Bord ist die Lage besonders ernst: Wer allein zurückbleibt, muss rufen, werfen, steuern und bergen zugleich. Gerade Paare sollten deshalb vor der Saison klären, wer welche Handgriffe übernimmt, wenn der jeweils andere über Bord geht.
MOB-Manöver Schritt für Schritt: Alarm, Rettungsmittel, Position
Die Reihenfolge der ersten Handgriffe ist bei allen Manövern gleich. Was hier versäumt wird, lässt sich später kaum aufholen, weil das Boot in jeder Sekunde weiterläuft.
Die MOB-Taste am Plotter oder an der Funkanlage speichert die Position mit Uhrzeit. Bei einer DSC-Funkanlage mit angeschlossenem GPS können Sie zusätzlich einen Notalarm auslösen, der die Position an Küstenfunkstellen und Schiffe in der Nähe sendet. Ein Personensender am Rettungskragen, der über AIS oder DSC alarmiert, zeigt die Person zusätzlich auf dem Bildschirm an.
- Laut und deutlich „Mann über Bord“ rufen, mit der Seite: „Person über Bord an Steuerbord“.
- Rettungsring, Rettungskragen oder Boje mit Licht sofort in Richtung der Person werfen.
- Eine Person als Ausguck bestimmen, die nur zeigt und ruft.
- MOB-Taste am Plotter drücken, bei Bedarf DSC-Notalarm auslösen.
- Manöver einleiten und den Motor erst starten, wenn keine Leinen im Wasser hängen.
- Bei schlechter Sicht, Dunkelheit oder Seegang früh über Kanal 16 ein Mayday absetzen.
Quickstop und Q-Wende im Vergleich
Beim Quickstop luven Sie sofort an, wenden, ohne die Vorschot zu lösen, und laufen mit back stehendem Vorsegel weiter im Kreis. Das Boot bleibt dadurch dicht bei der Person. Danach fallen Sie ab, gehen vor den Wind, halsen hinter der Person und fahren am Wind wieder an. Der Vorteil: Das Boot entfernt sich kaum, und die Crew muss wenig an den Schoten arbeiten.
Die Q-Wende ist im deutschsprachigen Raum verbreitet und folgt einem ähnlichen Gedanken. Auch hier kommt zuerst die Wende, danach laufen Sie raumschots ein Stück ab, halsen und steuern die Person auf einem Halbwind- bis Amwindkurs an. Der gefahrene Kurs sieht auf dem Plotter aus wie ein Q, daher der Name. Mit Spinnaker oder Gennaker ist das Manöver anspruchsvoller, weil das Vorsegel zuerst geborgen werden muss.
Welches Manöver besser passt, hängt vom Boot ab. Schwere Langkieler drehen langsamer und brauchen mehr Raum, leichte Kurzkieler stoppen schneller, treiben aber auch schneller ab. Probieren Sie beide Varianten bei mäßigem Wind mit einem Fender aus und entscheiden Sie dann für Ihre Crew.
Annähern und Bergen nach dem MOB-Manöver
Die letzte Phase entscheidet. Fahren Sie so an, dass das Boot in Höhe der Wanten bei der Person zum Stehen kommt, mit losen Schoten und fast ohne Fahrt. Unter Motor gilt: Getriebe in Neutral, sobald die Person nahe am Boot ist, damit der Propeller keine Gefahr wird. Werfen Sie eine Leine oder ein Rettungsgerät mit Leine, bevor das Boot ganz heran ist.
Zum Anbordholen eignet sich je nach Boot eine Badeleiter, ein Bergegurt, eine Talje am Baum oder das Großfall auf einer Winsch. Wer länger im kalten Wasser war, sollte möglichst waagerecht geborgen werden, etwa mit einem Bergenetz oder zwei Schlingen unter Rücken und Knien. Senkrechtes Herausziehen kann den Kreislauf stark belasten.
Gelingt die Bergung nicht sofort, sichern Sie die Person längsseits mit einer Leine, damit sie nicht wegtreibt, und holen Sie Hilfe über Funk. Ein festgemachter Mensch am Boot ist besser als ein zweiter Versuch, bei dem die Person erneut verloren geht.
Unterkühlung nach einem Sturz über Bord
Der erste Feind im Wasser ist nicht die Kälte selbst, sondern der Kälteschock: Atemnot, unkontrolliertes Einatmen, hoher Puls. Eine Rettungsweste hält den Kopf in dieser Phase über Wasser. Danach lassen Kraft und Fingerfertigkeit nach, lange bevor die Körpertemperatur stark sinkt. Wer im Wasser treibt, kann deshalb oft keine Leine mehr greifen.
Nach der Bergung gehört die Person liegend unter Deck, nasse Kleidung vorsichtig entfernen, in Decken oder einen Rettungssack hüllen, Rumpf zuerst wärmen. Keine Massage der Arme und Beine, kein Alkohol und kein heißes Bad. Bei Bewusstseinsstörungen oder wenn die Person lange im Wasser war, holen Sie ärztlichen Rat über Funk ein.
Die beste Vorsorge bleibt, gar nicht erst ins Wasser zu fallen: Strecktaue an Deck, Lifebelt mit kurzer Sorgleine, Rettungsweste mit Lampe und Spritzschutzhaube. Nachts und bei Seegang gilt an Deck: eingepickt, auch für eine kurze Arbeit am Mast.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Quickstop und Q-Wende?
Beide beginnen mit einer Wende. Beim Quickstop bleibt das Vorsegel back stehen und das Boot dreht eng um die Person. Bei der Q-Wende läuft das Boot nach der Wende ein Stück ab, halst und fährt dann an. Der Quickstop hält das Boot dichter bei der Person, die Q-Wende ist für viele Crews leichter zu steuern.
Soll ich bei Mann über Bord sofort den Motor starten?
Erst wenn sicher ist, dass keine Schot, kein Fall und keine Leine im Wasser hängt. Eine Leine im Propeller macht das Boot manövrierunfähig. In der Nähe der Person kuppeln Sie aus.
Was macht die MOB-Taste am Plotter genau?
Sie speichert die aktuelle Position und zeigt Peilung und Abstand dorthin. Das hilft, wenn der Blickkontakt verloren geht. Bedenken Sie, dass die Person mit Strom und Wind abtreibt, die gespeicherte Stelle also nur der Ausgangspunkt der Suche ist.
Wann setze ich ein Mayday ab?
Sobald die Person nicht mehr zu sehen ist, die Bergung nicht gelingt oder Dunkelheit, Kälte und Seegang die Lage verschärfen. Lieber früh als spät: Ein Notruf kann jederzeit aufgehoben werden.
Wie oft sollte die Crew das MOB-Manöver üben?
Mindestens zu Beginn jeder Saison und mit jeder neuen Crew, am besten mit einem Fender mit Eimer daran als Ersatzperson. Üben Sie auch das Bergen, nicht nur das Anfahren.
Warum ist ein Ausguck so wichtig?
Ein Kopf im Wasser verschwindet schon bei kleinen Wellen immer wieder aus dem Blick. Ein Mensch, der ununterbrochen zeigt, gibt dem Rudergänger die Richtung und erspart die Suche.
Was das mit der Versicherung zu tun hat
Das ist die Stelle, an der die Bootsversicherung endet und der Unfallschutz anfängt. Die Haftpflicht deckt, was Sie anderen zufügen, nicht was Ihnen und Ihrer Crew geschieht. Wer regelmäßig mit Gästen fährt, sollte diese Lücke kennen und bewusst entscheiden, ob er sie lässt.