Die meisten Fälle scheitern nicht an einer Ausschlussklausel, sondern am Unfallbegriff: nötig ist ein plötzlich von außen auf den Körper wirkendes Ereignis, das unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung verursacht. Dazu kommen harte Fristen, meist 15 Monate für Eintritt, ärztliche Feststellung und Anmeldung der Invalidität, und die Kürzung, wenn Krankheiten zu mindestens 25 Prozent mitgewirkt haben.
Was eine Kürzung kostet, was Gegenwehr kostet und was ein Tarif mit besseren Fristen und höherer Mitwirkungsschwelle kostet.
Beispiel
Richtwert
Kürzung bei 25 Prozent Mitwirkung, Grundsumme 100.000 Euro, Invaliditätsgrad 20 Prozent
aus 20.000 Euro werden 15.000 Euro
Kürzung bei 50 Prozent Mitwirkung, gleiche Werte
aus 20.000 Euro werden 10.000 Euro
Eigenes ärztliches Gegengutachten
etwa 1.500 bis 5.000 Euro, je nach Fachgebiet und Aufwand
Standardtarif Büroberuf, 100.000 Euro Grundsumme
etwa 60 bis 180 Euro im Jahr
Tarif mit Mitwirkungsschwelle 50 Prozent und 24 Monaten Frist, Büroberuf
etwa 90 bis 250 Euro im Jahr
Stand September 2026.
Die Kürzungsbeispiele sind mit den Musterbedingungen gerechnet,
die Gutachtenkosten stammen aus öffentlich genannten Honorarspannen.
Die Beitragsspanne für Tarife mit verlängerten Fristen und hoher Mitwirkungsschwelle ist ein
Richtwert aus der Angebotspraxis.
Für Ihren Fall zählt Ihr Bedingungswerk, nicht die Musterfassung; das genaue Angebot holen wir ein.
Rechenbeispiel
Schulterverletzung mit Arthrose, 52 Jahre
Sturz vom Fahrrad, die Schulter bleibt dauerhaft eingeschränkt. So rechnet der Versicherer, wenn eine Vorschädigung mitgewirkt hat, und so sähe derselbe Fall in einem besseren Tarif aus.
Grundsumme
100.000 Euro
Invaliditätsgrad Arm laut Gliedertaxe
35 Prozent
Mitwirkungsanteil der Arthrose laut Gutachten
40 Prozent
Unfallbedingter Invaliditätsgrad
21 Prozent
Leistung im Standardtarif
21.000 Euro
Leistung im Tarif ohne Anrechnung der Mitwirkung
35.000 Euro
Dieselbe Verletzung, 14.000 Euro Unterschied, allein wegen einer Klausel im Bedingungswerk.
Der Unfallbegriff: vier Merkmale, alle nötig
Versichert ist ein Unfall, und den definiert das Gesetz eng: ein plötzlich von außen auf den Körper wirkendes Ereignis, das unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung verursacht (§ 178 Absatz 2 VVG). Fehlt eines der vier Merkmale, gibt es kein Geld, auch wenn der Schaden schwer ist und sich für Sie wie ein Unfall anfühlt.
Daran scheitern die meisten abgelehnten Fälle, nicht an einer exotischen Klausel. Ein Bandscheibenvorfall beim Heben einer Kiste hat keine Einwirkung von außen, ein Herzinfarkt beim Sport auch nicht, und eine über Jahre entstandene Abnutzung ist nicht plötzlich. Wer beim Sprung vom Boot auf den Steg stolpert und stürzt, hat dagegen alle vier Merkmale beisammen.
Merkmal
Was es bedeutet
Woran es oft scheitert
Plötzlich
das Ereignis wirkt in einem kurzen Zeitraum
Abnutzung über Jahre, Dauerbelastung im Beruf
Von außen
die Ursache kommt von außerhalb des Körpers
Bandscheibenvorfall beim Heben, Herzinfarkt, Schlaganfall
Unfreiwillig
Sie haben die Schädigung nicht gewollt
vorsätzliche Selbstverletzung, geplanter Eingriff
Gesundheitsschädigung
der Körper ist nachweisbar geschädigt
Schreck ohne Verletzung, nur Sachschaden
Eigenbewegung und erhöhte Kraftanstrengung
Wenn Sie sich beim Aufstehen, Drehen oder Sprinten selbst verletzen, wirkt nichts von außen. Nach dem strengen Unfallbegriff wäre das kein Unfall. Deshalb enthält fast jeder gute Tarif einen erweiterten Unfallbegriff: Als Unfall gilt dann auch, wenn Sie durch eine erhöhte Kraftanstrengung ein Gelenk an Gliedmaßen oder der Wirbelsäule verrenken oder Muskeln, Sehnen, Bänder oder Kapseln zerren oder reißen. Erhöht ist eine Kraftanstrengung, die über die normalen Handlungen des täglichen Lebens hinausgeht.
Die Grenze steht im Bedingungswerk und wird gern überlesen: Meniskus und Bandscheiben sind weder Muskeln noch Sehnen, Bänder oder Kapseln. Ein Meniskusriss durch Eigenbewegung ist deshalb auch beim erweiterten Unfallbegriff nicht gedeckt, wenn der Tarif ihn nicht ausdrücklich dazunimmt. Eine gerissene Achillessehne beim Sprint dagegen schon.
Die Fristen, an denen Ansprüche verfallen
Drei Fristen entscheiden über die Invaliditätsleistung. Nach den Musterbedingungen muss die Invalidität innerhalb von 15 Monaten nach dem Unfall eingetreten und ärztlich schriftlich festgestellt sein, und Sie müssen sie innerhalb von 15 Monaten beim Versicherer geltend machen. Ältere Bedingungswerke nennen ein Jahr für den Eintritt und 15 Monate für Feststellung und Anmeldung. Verbesserte Tarife verlängern auf 18, 24 oder sogar 36 Monate, und genau darauf lohnt der Blick vor dem Abschluss.
Das ist keine höfliche Anzeigefrist, sondern eine Voraussetzung des Anspruchs. Wer sie versäumt, verliert die Leistung; entschuldbar ist das nur in besonderen Ausnahmefällen, etwa nach einer schweren Kopfverletzung. Praktischer Rat: melden Sie früh schriftlich, dass Sie von einer Invalidität ausgehen, auch wenn die Behandlung noch läuft. Verschlechtert sich der Zustand später, können Sie und der Versicherer den Invaliditätsgrad bis drei Jahre nach dem Unfall neu bemessen lassen, bei Kindern länger.
Frist
Üblich
Verbesserte Bedingungen
Unfall melden
unverzüglich
unverzüglich, das bleibt so
Invalidität eingetreten
15 Monate, ältere Werke ein Jahr
18 bis 24 Monate
Ärztlich festgestellt
15 Monate
24 bis 36 Monate
Beim Versicherer angemeldet
15 Monate
24 Monate
Neubemessung verlangen
drei Jahre, bei Kindern länger
fünf Jahre und mehr für Kinder
Verjährung des Anspruchs
drei Jahre zum Jahresende
gesetzlich, nicht verhandelbar
Mitwirkung von Krankheiten: der häufigste Kürzungsgrund
Gezahlt wird nur für Unfallfolgen, nicht für Krankheiten und Gebrechen. Wirkt eine Vorerkrankung an der Schädigung oder ihren Folgen mit, sinkt der Invaliditätsgrad um diesen Anteil (§ 182 VVG). Das Rechenbeispiel der Musterbedingungen ist klar: Invaliditätsgrad 10 Prozent nach einer Beinverletzung, eine Rheumaerkrankung hat zu 50 Prozent mitgewirkt, also bleiben 5 Prozent. Liegt der Anteil unter 25 Prozent, wird nicht gekürzt.
Das trifft in der Praxis fast jeden über 45 mit Schulter, Knie oder Rücken, denn Arthrose findet ein Gutachter fast immer. Zwei Dinge helfen. Erstens der Vertrag: gute Tarife rechnen erst ab 50 Prozent an, sehr gute verzichten ganz auf die Anrechnung. Zweitens die Beweislast: der Versicherer muss die Vorerkrankung, ihren konkreten Anteil und das Überschreiten der Schwelle belegen. Ein MRT-Befund mit einer pauschalen Quote ist kein Beleg, und eine bloße Annahme erst recht nicht.
Die klassischen Ausschlüsse
Ausgeschlossene Unfälle sind: Unfälle, die Sie vorsätzlich herbeiführen (§ 183 VVG), Unfälle durch Bewusstseinsstörungen sowie durch Schlaganfälle und Krampfanfälle, Unfälle bei einer vorsätzlichen Straftat, Kriegs- und Bürgerkriegsereignisse (Ausnahme: Sie werden im Ausland überraschend davon betroffen, dann endet der Schutz am Ende des siebten Tages), Unfälle als Führer eines Luftfahrzeugs oder Luftsportgeräts, die Teilnahme an Rennen mit Motorfahrzeugen und Unfälle durch Kernenergie. Eine Bewusstseinsstörung kann von Krankheit, Medikamenten, Alkohol oder Drogen kommen. Eine feste Promillegrenze steht in den Musterbedingungen nicht; entscheidend ist, ob Aufnahme- und Reaktionsfähigkeit der konkreten Gefahrenlage nicht mehr gewachsen waren. Bei Autofahrern nehmen Gerichte das ab etwa 1,1 Promille an, bei Radfahrern später, und manche Tarife nennen eigene, höhere Grenzen.
Dazu kommen ausgeschlossene Gesundheitsschäden, unabhängig davon, wie der Unfall aussah: Schäden an Bandscheiben und Blutungen aus inneren Organen (Ausnahme: der Unfall hat sie zu mehr als 50 Prozent verursacht), Schäden durch Strahlen, Schäden durch Heilmaßnahmen und Eingriffe (Ausnahme: der Eingriff war unfallbedingt), Infektionen (Ausnahmen: Tollwut, Wundstarrkrampf, FSME nach Zeckenstich und Erreger, die durch größere Wunden kamen), Vergiftungen durch Schlucken, krankhafte Störungen infolge psychischer Reaktionen sowie Bauch- und Unterleibsbrüche. Der letzte Punkt überrascht viele: eine posttraumatische Belastungsstörung nach einem Unfall ist ausgeschlossen, eine organische Hirnschädigung nicht.
Zahlt ja, nein oder gekürzt
Die Tabelle zeigt die Fälle, die in der Praxis am häufigsten zu Streit führen. Sie gilt für die Musterbedingungen; Ihr Vertrag kann günstiger sein, wenn er einen erweiterten Unfallbegriff, längere Fristen und eine hohe Mitwirkungsschwelle hat.
Wichtig ist die mittlere Spalte im Zusammenhang mit der rechten: Eine Ablehnung ist kein Urteil, sondern die Auffassung eines Hauses zu einem Sachverhalt. Genau deshalb lohnt in den Fällen mit Kürzung fast immer eine zweite ärztliche Meinung.
Fall
Leistung
Was zu tun ist
Sturz vom Fahrrad, Schulter bleibt dauerhaft steif
Sache der Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung
Knieschaden, Arthrose hat mitgewirkt
gekürzt
Mitwirkungsanteil und Gutachten anfordern
Achillessehne reißt beim Sprint
zahlt bei erweitertem Unfallbegriff
Klausel zur erhöhten Kraftanstrengung lesen
Meniskusriss durch Eigenbewegung
zahlt meist nicht
Zusatzbaustein prüfen, Meniskus ist ausgenommen
Autounfall mit hoher Alkoholisierung
zahlt oft nicht
Promillewert und Bedingungen prüfen lassen
Zeckenstich mit FSME
zahlt
Stich und Infektion ärztlich dokumentieren
Angstzustände nach einem Unfall
zahlt nicht
psychische Reaktionen sind ausgeschlossen
Invalidität erst nach 20 Monaten gemeldet
zahlt nicht
Ausnahme nur bei entschuldbarem Versäumnis
Wenn abgelehnt oder gekürzt wird
Fordern Sie zuerst die vollständige Begründung und das Gutachten an, auf das der Versicherer sich stützt. Dann prüfen Sie, worauf die Ablehnung wirklich beruht: eine Frist, ein Ausschluss oder ein Mitwirkungsanteil. Jede der drei Begründungen greift man anders an. Gegen eine Bewertung hilft eine ärztliche Neubewertung, gegen einen zu hoch angesetzten Mitwirkungsanteil ein Gegengutachten, und wenn sich der Zustand verschlechtert hat, verlangen Sie die Neubemessung des Invaliditätsgrads innerhalb von drei Jahren nach dem Unfall.
Bleibt es beim Nein, ist die Beschwerde beim Versicherungsombudsmann kostenlos: bis 10.000 Euro Beschwerdewert bindet seine Entscheidung den Versicherer, bis 100.000 Euro gibt er eine Empfehlung, und Sie können danach trotzdem klagen. Der Anspruch verjährt in drei Jahren, gerechnet ab dem Ende des Jahres, in dem er entstanden und fällig geworden ist. Eine kurze Klagefrist nach der Ablehnung gibt es seit 2008 nicht mehr. Ein Gutachten zahlt, wer es bestellt.
Schritt für Schritt
Unfall unverzüglich melden und einen Arzt hinzuziehen, auch wenn die Folgen noch unklar sind.
Früh schriftlich mitteilen, dass Sie von einer Invalidität ausgehen; das wahrt die Frist.
Vor Ablauf von 15 Monaten eine ärztliche Feststellung der Invalidität einholen.
Bei einer Kürzung Gutachten, Mitwirkungsanteil und dessen Begründung anfordern.
Neubemessung innerhalb von drei Jahren verlangen, wenn sich der Zustand verschlechtert.
Checkliste
Mitwirkung erst ab 50 Prozent angerechnet oder ganz darauf verzichtet
Frist für Eintritt und ärztliche Feststellung auf mindestens 24 Monate verlängert
Erweiterter Unfallbegriff mit Eigenbewegung und erhöhter Kraftanstrengung
Bandscheiben und Meniskus eingeschlossen, soweit der Tarif das anbietet
Keine niedrige feste Promillegrenze im Bedingungswerk
Verlängerte Neubemessungsfrist bei Kindern
Häufige Fehler
Die 15 Monate verstreichen lassen, weil die Behandlung noch läuft
Eine Kürzung wegen Vorerkrankung ohne Begründung und ohne Gutachten hinnehmen
Den Unfall erst melden, wenn ein Dauerschaden sicher ist
Nur den Beitrag vergleichen und Fristen, Mitwirkungsschwelle und Unfallbegriff übersehen
Fragen und Antworten
Häufig gefragt
Zahlt die Unfallversicherung bei einem Bandscheibenvorfall?
Nur wenn ein versicherter Unfall den Schaden überwiegend,
also zu mehr als 50 Prozent, verursacht hat.
Beim Heben ohne Einwirkung von außen ist es kein Unfall.
Zahlt sie nach einem Herzinfarkt beim Sport?
Nein, ein Infarkt ist eine Krankheit.
Stürzen Sie deswegen und verletzen sich,
greift zusätzlich der Ausschluss für Bewusstseinsstörungen.
Was gilt bei Alkohol am Steuer?
Die Musterbedingungen nennen keine Promillegrenze.
Entscheidend ist, ob Aufnahme- und Reaktionsfähigkeit der Gefahrenlage nicht mehr gewachsen waren;
bei Autofahrern nehmen Gerichte das ab etwa 1,1 Promille an.
Kann ich eine Kürzung wegen Vorerkrankung angreifen?
Ja.
Der Versicherer muss die Vorerkrankung,
ihren konkreten Anteil und das Überschreiten der Schwelle beweisen.
Eine pauschale Quote aus einem MRT-Befund reicht dafür nicht.
Was kostet die Beschwerde beim Ombudsmann?
Nichts.
Bis 10.000 Euro Beschwerdewert bindet die Entscheidung den Versicherer,
bis 100.000 Euro gibt es eine Empfehlung.
Der Weg zum Gericht bleibt Ihnen offen.
Ist eine versäumte Frist noch zu retten?
Nur in besonderen Ausnahmefällen, etwa nach einer schweren Kopfverletzung.
Dann müssen Sie die Anmeldung unverzüglich nachholen.
Zahlt sie bei psychischen Folgen eines Unfalls?
Krankhafte Störungen infolge psychischer Reaktionen sind ausgeschlossen, auch nach einem Unfall.
Eine organische Hirnschädigung ist dagegen versichert.