Vertrauensschadenversicherung: wenn Betrug von innen oder per Anruf kommt
Die meisten Firmenpolicen schützen vor Unfällen und Fehlern. Gegen Vorsatz helfen sie nicht: Zweigt eine Buchhalterin über Jahre Geld ab oder überweist ein Mitarbeiter nach einer gefälschten Chef-Mail einen hohen Betrag ins Ausland, zahlt weder die Betriebshaftpflicht noch in vielen Fällen die Cyberpolice. Die Vertrauensschadenversicherung ist für genau diese Lücke gebaut. Sie ersetzt Vermögensschäden durch vorsätzliche Taten eigener Beschäftigter und, je nach Vertrag, durch Betrüger von außen.
Brauche ich eine Vertrauensschadenversicherung, wenn ich schon eine Cyberversicherung habe?
Häufig ja. Die Cyberpolice ist für Angriffe auf Ihre IT gebaut: Forensik, Wiederherstellung, Ertragsausfall, Datenschutz. Überweist ein Mitarbeiter selbst Geld, weil er getäuscht wurde, ist kein System gehackt worden, und viele Cybertarife zahlen dann nichts oder nur eine kleine Teilsumme. Untreue eigener Beschäftigter deckt eine Cyberpolice in der Regel gar nicht. Prüfen Sie deshalb beide Bedingungswerke nebeneinander und schließen Sie die Lücke gezielt.
Drei Tätergruppen, eine Police
Am Anfang standen die eigenen Leute: Beschäftigte, die Kasse, Lager oder Konten als Gelegenheit nutzen. Solche Taten bleiben oft lange unentdeckt, weil die Täter die Abläufe kennen und Kontrollen umgehen. Moderne Verträge versichern daneben externe Täter, die in Ihre Systeme eindringen und Zahlungen manipulieren, und Betrüger, die sich als Geschäftsführer, Lieferant oder Bank ausgeben.
Wer als Vertrauensperson gilt, regelt der Vertrag: neben Angestellten oft auch Auszubildende, Leiharbeitskräfte, freie Mitarbeiter und Organe. Gesellschafter mit beherrschender Beteiligung sind dagegen häufig ausgenommen, weil ein Unternehmen nicht gegen sich selbst versichert werden soll.
Fake President und Social Engineering
Beim Fake President meldet sich vermeintlich die Geschäftsführung, per Mail, Anruf oder inzwischen auch mit nachgeahmter Stimme, und verlangt eine eilige, vertrauliche Überweisung. Verwandt ist der Rechnungsbetrug: Ein angeblicher Lieferant teilt eine neue Bankverbindung mit, und die nächste echte Rechnung geht auf das Konto der Betrüger.
Für den Versicherer ist der Unterschied wichtig: Niemand hat ein System geknackt, ein Mitarbeiter hat selbst und berechtigt überwiesen. Gute Vertrauensschadentarife nennen diese Täuschung ausdrücklich als versicherten Fall. Achten Sie auf die Höhe: Für Social Engineering gilt oft eine eigene, niedrigere Grenze als die Versicherungssumme.
Abgrenzung zur Cyberversicherung
Die Cyberpolice ersetzt, was ein Angriff auf Ihre Technik kostet: Notfallhilfe, Forensik, Wiederherstellung, Betriebsunterbrechung, Ansprüche Dritter nach einer Datenpanne. Die Vertrauensschadenversicherung ersetzt den Vermögensverlust aus der Tat selbst, also das abgeflossene Geld oder die entwendete Ware.
Die Bereiche überlappen beim Zahlungsbetrug. Manche Cybertarife bieten dafür einen Baustein mit kleiner Summe, manche Vertrauensschadentarife decken Hackerangriffe auf Zahlungssysteme mit. Doppelt zahlen müssen Sie nicht, aber eine Lücke zwischen beiden Verträgen sollte es auch nicht geben.
Wann der Schaden versichert ist
Vertrauensschäden werden oft erst Jahre nach der ersten Tat entdeckt. Viele Verträge stellen deshalb darauf ab, dass der Schaden während der Laufzeit entdeckt wird, und schließen Taten vor Vertragsbeginn über eine Rückwärtsdeckung ein. Wichtig ist auch, wie lange nach Vertragsende ein Schaden noch gemeldet werden kann.
Im Schadenfall verlangen Versicherer in aller Regel eine Strafanzeige und Ihre Mitwirkung bei der Aufklärung. Kosten für Sachverständige, die den Schaden beziffern, sind in guten Tarifen eingeschlossen. Zahlt der Versicherer, gehen Ihre Ansprüche gegen den Täter auf ihn über.
Was versichert ist
Untreue, Unterschlagung und Diebstahl durch eigene Beschäftigte
Betrug und Urkundenfälschung zum Nachteil des Unternehmens
Fake President, Rechnungsbetrug und andere Social Engineering Fälle, je nach Vertrag
Manipulation von Zahlungsverkehr und Buchhaltung durch externe Täter
Schäden bei Kunden, die Ihre Beschäftigten dort vorsätzlich verursachen, als Baustein
Kosten für Sachverständige und Ermittlung der Schadenhöhe
Kosten der Rechtsverfolgung gegen den Täter, je nach Tarif
Taten vor Vertragsbeginn über eine vereinbarte Rückwärtsdeckung
Was nicht versichert ist
Taten von Gesellschaftern mit beherrschender Beteiligung, je nach Vertrag
Taten, die vor Vertragsbeginn bekannt waren
Entgangener Gewinn und mittelbare Folgeschäden, soweit nicht eingeschlossen
Kosten der IT-Wiederherstellung nach einem Angriff, dafür ist die Cyberpolice da
Der vereinbarte Selbstbehalt
Schäden, die über die Sondergrenze für Social Engineering hinausgehen
Wer sie braucht
Betriebe, in denen wenige Personen über Konten, Kasse und Zahlungen verfügen
Unternehmen mit Auslandsgeschäft und häufigen Überweisungen an neue Empfänger
Dienstleister, deren Kräfte beim Kunden arbeiten, etwa Reinigung, Pflege oder Sicherheit
Hausverwaltungen, Finanzvermittler und alle, die Fremdgeld verwalten
Handel und Lager mit leicht verkäuflicher Ware
Vereine und Verbände mit ehrenamtlicher Kassenführung
Wer sie nicht braucht
Einzelunternehmer ohne Beschäftigte, die jede Zahlung selbst freigeben
Betriebe, deren Cyberpolice Zahlungsbetrug bereits mit ausreichender Summe einschließt und die keine Kassen oder Fremdgelder führen
Pech-Rad
Drehen Sie am Rad des Pechs
Sechs Schäden, die wirklich passieren: Das Rad wählt Ihren und zeigt, wer zahlt.
Kosten:
Billigtarif Starker Tarif
Alle sechs Fälle ansehen
Buchhalterin zweigt jahrelang Geld ab, oft fünf- bis sechsstellig. Billigtarif: zahlt, Starker Tarif: zahlt. Der Grundfall der Sparte. Wichtig ist, dass auch die Jahre vor Vertragsbeginn über eine Rückwärtsdeckung erfasst sind.
Falscher Chef ordert Eilüberweisung, der überwiesene Betrag. Billigtarif: zahlt teilweise, Starker Tarif: zahlt. Social Engineering ist in einfachen Tarifen oft nur bis zu einer kleinen Sondergrenze versichert, in starken mit spürbarer Summe.
Lieferant meldet neue Bankverbindung, eine oder mehrere echte Rechnungen. Billigtarif: zahlt nicht, Starker Tarif: zahlt. Rechnungsbetrug durch gefälschte Lieferantenmails zahlen nur Tarife, die externe Täuschung ausdrücklich einschließen.
Reinigungskraft stiehlt beim Kunden, Wert der Beute, dazu der Ärger mit dem Kunden. Billigtarif: zahlt nicht, Starker Tarif: zahlt. Schäden bei Kunden sind ein eigener Baustein. Die Betriebshaftpflicht zahlt bei Vorsatz nicht.
Mehrheitsgesellschafter plündert Konto, das entnommene Geld. Billigtarif: zahlt nicht, Starker Tarif: zahlt nicht. Wer das Unternehmen beherrscht, ist in vielen Verträgen keine versicherte Vertrauensperson. Hier hilft keine Police, nur ein Gesellschaftsvertrag mit Kontrollrechten.
Hacker verschlüsselt die Server, Wiederherstellung und Ausfallzeit. Billigtarif: zahlt nicht, Starker Tarif: zahlt teilweise. Das ist ein Fall für die Cyberversicherung. Manipulieren Angreifer dabei Zahlungen, kann der Vertrauensschadenvertrag den abgeflossenen Betrag ersetzen.
Was sie kostet
Die Prämie richtet sich nach der Zahl der Vertrauenspersonen, dem Umsatz, der Branche und der gewählten Versicherungssumme. Großen Einfluss haben die internen Kontrollen: Vier-Augen-Prinzip, getrennte Rollen bei Zahlungen und Rückrufe bei geänderten Bankdaten senken das Risiko sichtbar. Unabhängige, veröffentlichte Preisvergleiche gibt es nicht, deshalb nennen wir keine Beispielbeträge.
Wovon der Beitrag abhängt
Zahl der Beschäftigten und Vertrauenspersonen
Umsatz und Höhe der üblichen Zahlungen
Branche, Kassen- und Bargeldbestand, Zugriff auf Fremdgeld
Interne Kontrollen im Zahlungsverkehr
Versicherungssumme und Grenze für Social Engineering
Selbstbehalt und frühere Schäden
Die Prämie steht erst nach dem Fragebogen des Versicherers fest, der vor allem nach Ihren Zahlungsabläufen fragt.
Die Tariflinien am Markt
01
Kompaktschutz für kleine Betriebe
Pauschale Versicherungssumme, Schäden durch eigene Beschäftigte, Social Engineering mit einer kleinen Sondergrenze. Einfacher Antrag mit wenigen Fragen.
02
Mittelstandstarif
Höhere Summen, externe Täter und Fake President ausdrücklich eingeschlossen, Rückwärtsdeckung, Kosten für Sachverständige. Für die meisten Unternehmen mit eigener Buchhaltung der passende Ansatz.
03
Individuelle Crime-Deckung
Für Konzerne und Unternehmen mit großen Zahlungsströmen: weltweite Geltung, Tochtergesellschaften, hohe Summen, abgestimmt auf Cyber- und D&O-Programm.
Woran Sie einen guten Tarif erkennen
Kriterium
Mindeststandard
Starker Tarif
Warum das zählt
Externe Täter
nur eigene Beschäftigte
auch Dritte ohne Beteiligung von Beschäftigten
Die meisten Zahlungsbetrüger sitzen außerhalb des Unternehmens.
Social Engineering
ausgeschlossen oder kleine Sondergrenze
ausdrücklich versichert, mit spürbarer Summe
Fake President und Rechnungsbetrug treffen gerade gut organisierte Betriebe.
Rückwärtsdeckung
keine
mehrere Jahre vor Vertragsbeginn
Untreue läuft oft lange, bevor sie auffällt.
Meldefrist nach Vertragsende
kurz
ausreichend lang
Entdeckt wird manchmal erst nach einem Wechsel.
Kreis der Vertrauenspersonen
nur Angestellte
auch Leiharbeit, freie Mitarbeiter und Organe
Täter sind nicht immer fest angestellt.
Schäden bei Kunden
nicht versichert
als Baustein eingeschlossen
Wer beim Kunden arbeitet, haftet für Diebstahl der eigenen Kräfte, und die Haftpflicht zahlt bei Vorsatz nicht.
Sachverständigenkosten
nicht versichert
eingeschlossen
Die Schadenhöhe muss oft mühsam aus der Buchhaltung rekonstruiert werden.
Anbieter im Überblick
Ein bekannter Anbieter der Sparte ist Allianz Trade. Es arbeitet in Deutschland als Niederlassung der belgischen Euler Hermes SA und steht deshalb nicht in der BaFin-Liste der Unternehmen unter Bundesaufsicht; aus diesem Grund fehlt es unten. Dasselbe gilt für weitere internationale Crime-Versicherer. Aufgeführt sind Versicherer unter Bundesaufsicht mit Zulassung für sonstige finanzielle Verluste. Einen eigenen Vertrauensschadentarif führen R+V und Zurich; ob die übrigen Häuser ein Risiko zeichnen, klären wir im Einzelfall. Die Liste ist ein Marktüberblick und sagt nichts darüber, mit wem wir zusammenarbeiten.
Versicherer
Einordnung
R+V
Versicherer der Volks- und Raiffeisenbanken, Vertrauensschadenversicherung für kleine und große Firmenkunden
Zurich
Gesellschaft der Zurich-Gruppe, Vertrauensschadenversicherung für Geschäftskunden
HDI Global
Industrieversicherer des Talanx-Konzerns mit Sitz in Hannover
Allianz Commercial
Industrie- und Spezialversicherer der Allianz-Gruppe mit Sitz in München
Markel
Spezialversicherer mit Sitz in München, Firmenkunden über Makler