Magazin / Bordfunk · Folge 26
Am Steg auf Mallorca: wer zahlt die Kaution, wenn das Boot festgesetzt wird
Ein Wartesteg auf Mallorca, ein versiegeltes Motorboot und Nordwind. Theo erfährt von Lucía, Marinera, wer die Kaution zahlt, wenn das Boot festgesetzt wird.
09. Oktober 20267 minNAMMERT Assekuradeur GmbH
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Theo: Moin! Ich bin Theo von Nammert, und ich steh hier gerade auf einem Steg auf Mallorca. Oktober, halb zehn, Sonne. Aber der Wind hat die ganze Nacht gepfiffen. Und da kommt mein Gast. Im Schlauchboot.
Lucía: ¡Hola! ¡Moin! Así decís los alemanes, ¿no? Moin. Coge el cabo, porfa. El cabo. La cuerda. (Hallo! Moin! So sagt ihr Deutschen doch, oder? Nimm mal die Leine, bitte. Die Leine. Das Seil.)
Theo: Ah, die Leine. Ja. Hab sie. Glaub ich.
Lucía: Vale. Soy Lucía. Marinera aquí en el puerto. Llevo los barcos a su sitio. Cabos, defensas, todo eso. Y café. Mucho café. (Okay. Ich bin Lucía. Marinera hier im Hafen. Ich bring die Boote an ihren Platz. Leinen, Fender, all das. Und Kaffee. Viel Kaffee.)
Theo: Lucía ist sozusagen die Einparkhilfe vom ganzen Hafen. Sie lotst die Boote mit dem Schlauchboot an ihren Platz. Und was ist das hier für ein Steg?
Lucía: El muelle de espera. Aquí llegan todos. Y aquí... aquí se queda ese. (Der Wartesteg. Hier kommen alle an. Und hier bleibt... der da.)
Theo: Der da? Das weiße Motorboot? Da hängt so ein rot weißes Band am Cockpit. Ist das...
Lucía: Precintado. Lo trajo la patrullera. Ayer por la tarde. (Versiegelt. Das Polizeiboot hat es gebracht. Gestern Nachmittag.)
Theo: Moment. Das Boot ist beschlagnahmt? Hier bei dir am Steg?
Lucía: Sí. En mi muelle. Y no se puede mover. Ni un metro. (Ja. An meinem Steg. Und es darf sich nicht bewegen. Keinen Meter.)
Theo: Was hat er denn gemacht?
Lucía: Espera, espera. Esta defensa... más arriba. Así. (Warte, warte. Dieser Fender... höher. So.)
Theo: Sie hängt einen Fender höher. Der Wind drückt das Boot gegen den Steg. Ich halt einfach mal... irgendwas fest.
Lucía: ¡No toques eso! Es el enchufe. (Fass das nicht an! Das ist die Steckdose.)
Theo: Okay. Okay. Hände in die Taschen.
Lucía: Ayer. Un alemán, muy simpático, eh. Pasó por delante de la playa. Por dentro de las boyas amarillas. Rápido. Muy rápido. (Gestern. Ein Deutscher, sehr nett übrigens. Ist vor dem Strand vorbei. Innerhalb der gelben Bojen. Schnell. Sehr schnell.)
Lucía: Con gente nadando. (Mit Leuten im Wasser.)
Theo: Sie sagt: Gestern ist ein deutscher Skipper vor einem Strand innerhalb der gelben Bojen durchgefahren. Also mitten durch den Badebereich. Schnell. Und da waren Leute im Wasser.
Lucía: Nadie herido, gracias a Dios. Pero una señora... gritaba. Gritaba mucho. (Niemand verletzt, Gott sei Dank. Aber eine Frau... hat geschrien. Sehr laut.)
Theo: Und dann kam die Polizei.
Lucía: La patrullera, sí. Y ahora el barco se queda aquí hasta que él pague una fianza. Una... Kaution, ¿se dice así? (Das Polizeiboot, ja. Und jetzt bleibt das Boot hier, bis er eine Kaution zahlt. Eine... Kaution, sagt man so?)
Theo: Genau. Kaution. Also eine Sicherheit, damit er sein Boot wieder kriegt. Und weißt du, wie lange das dauert, bis...
Theo: Whoa! Okay. Die Böe hat mir fast das Mikro aus der Hand gerissen. Wo war ich?
Lucía: Tramontana. Viene del norte. Toda la noche así. (Tramontana. Kommt von Norden. Die ganze Nacht so.)
Theo: Der Nordwind. Die ganze Nacht schon. Ich hab's im Hotel gehört.
Lucía: Y el señor me llama cada hora. Cada hora. Mira. Otra vez. (Und der Herr ruft mich jede Stunde an. Jede Stunde. Guck. Schon wieder.)
Lucía: ¿Sí? Hola. Sí, sí, aquí estoy. (Ja? Hallo. Ja, ja, ich bin hier.)
Eigner am Telefon: Lucía? Ich bin's, vom weißen Boot. Liegt es noch gut?
Lucía: Sí, bien. Todo bien. Tengo aquí un periodista. Alemán. (Ja, gut. Alles gut. Ich hab hier einen Journalisten. Deutsch.)
Eigner am Telefon: Einen was? Ach, egal. Ich sitz bei der Bank. Ich meld mich.
Lucía: Vale. Luego hablamos. ¡Adiós! (Okay. Wir reden später. Tschüss!)
Theo: Das war der Besitzer vom weißen Boot. Er sitzt gerade bei der Bank. Weil er die Kaution irgendwie zusammenkriegen muss.
Lucía: Pero no lo entiendo. Él tiene seguro. A todo riesgo, me dijo. Todo. ¿Por qué no paga el seguro? (Aber ich versteh's nicht. Er hat doch eine Versicherung. Vollkasko, hat er gesagt. Alles. Warum zahlt die Versicherung nicht?)
Theo: Die Kasko hilft hier gar nicht, so komisch das klingt. Beschlagnahme ist da ausdrücklich ausgeschlossen. Und eine Kaution ist ja auch kein Schaden am Boot.
Lucía: ¿Nada? ¿El todo riesgo no paga nada? Todo riesgo, pero no este riesgo. (Gar nichts? Die Vollkasko zahlt gar nichts? Alle Risiken, aber nicht dieses Risiko.)
Theo: Sie sagt: Alle Risiken, nur nicht dieses. Ja. So ungefähr.
Theo: Aber jetzt kommt das Lustige. Hilfe gibt's da, wo man sie nicht sucht. In der Haftpflicht. In Basis Plus und Premium leiht die Haftpflicht ihm das Geld für die Kaution.
Lucía: ¿La responsabilidad civil? Pero si no ha roto nada. No hay daño. Nadie herido. (Die Haftpflicht? Aber er hat doch nichts kaputt gemacht. Kein Schaden. Niemand verletzt.)
Theo: Eben. Dafür braucht's keinen Schaden. Es reicht, dass ihm im Ausland ein Verstoß gegen eine Verkehrsvorschrift auf dem Wasser vorgeworfen wird. Und das Boot deswegen beschlagnahmt ist.
Lucía: Vale. ¿Y cuánto? ¿Todo? (Okay. Und wie viel? Alles?)
Theo: In Basis Plus bis zu fünfzigtausend Euro. In Premium bis zu zweihunderttausend. Aber nie mehr, als das Boot wert ist.
Lucía: Doscientos mil. Uf. Por unas boyas. (Zweihunderttausend. Uff. Wegen ein paar Bojen.)
Theo: Und in Basis steht ganz trocken das Gegenteil. Die Sicherheit bei einer Beschlagnahme im ausländischen Hafen ist allein deine Sache.
Lucía: Entonces depende. Depende del papel que tiene. (Dann kommt's drauf an. Auf das Papier, das er hat.)
Theo: Genau. Sie sagt: Kommt drauf an, was in seinem Vertrag steht. Und das ist leider die ehrliche Antwort.
Lucía: Uy. El cabo de proa. Un momento. (Oh. Die Bugleine. Moment.)
Theo: Die Leine vorn am Bug knarzt. Lucía legt sie neu über die Klampe. Mit einer Hand. In der anderen hält sie ihren Kaffee.
Lucía: Ya. Bueno. Entonces el seguro le regala el dinero. Qué bien. (So. Gut. Dann schenkt ihm die Versicherung also das Geld. Wie schön.)
Theo: Nee, nee. Geschenkt ist da nichts. Das ist ein Darlehen, und zwar ein kurzes. Kriegt er die Kaution zurück, geht das Geld sofort zurück, und spätestens einen Monat nach der Auszahlung.
Lucía: ¿Un mes? Un mes. Aquí en un mes no termina ni el papeleo. (Einen Monat? Einen Monat. Hier ist in einem Monat nicht mal der Papierkram fertig.)
Theo: Okay. Das ist deine Erfahrung, nicht meine. Aber genau deshalb lohnt sich noch ein Blick. In den Rechtsschutz.
Lucía: ¿También? (Der auch?)
Theo: Der Rechtsschutz für Wassersportler kennt die Kaution auch. Als zinsloses Darlehen, bis zweihunderttausend Euro, in allen drei Tarifen. Die ersten tausend Euro trägt er selbst.
Lucía: ¿Y el abogado? Porque va a necesitar un abogado. Aquí. En español. (Und der Anwalt? Er wird nämlich einen Anwalt brauchen. Hier. Auf Spanisch.)
Theo: Der Rechtsschutz gilt in ganz Europa, also auch hier auf Mallorca. Und er zahlt die Verteidigung, wenn ihm ein Verkehrsvergehen auf dem Wasser vorgeworfen wird.
Lucía: Pero tiene la culpa. Yo lo vi en un video. Tiene la culpa. (Aber er ist schuld. Ich hab's in einem Video gesehen. Er ist schuld.)
Theo: Und hier ist es wieder andersrum. Auch wenn er Mist gebaut hat, wird er verteidigt. Erst wenn ein Gericht rechtskräftig feststellt, dass er es mit Absicht gemacht hat, muss er die Kosten zurückzahlen.
Lucía: ¿Con intención? No, no. Él solo quería ver la playa. De cerca. (Mit Absicht? Nein, nein. Er wollte nur den Strand sehen. Von nahem.)
Theo: Von nahem. Ja.
Theo: Lucía, was sagst du ihm, wenn er morgen sein Boot abholt?
Lucía: Que las boyas amarillas no son decoración. (Dass die gelben Bojen keine Deko sind.)
Theo: Die gelben Bojen sind keine Deko. Das nehm ich mit nach Hause.
Funk: Marina, marina, this is sailing yacht, eleven metres, requesting a berth for one night. Over.
Lucía: Ese es para mí. Venga, Theo. ¡Tschüss! Así decís, ¿no? (Der ist für mich. Na los, Theo. Tschüss! So sagt ihr doch, oder?)
Theo: Genau so. Tschüss, Lucía! Sie springt ins Schlauchboot und ist weg. Und ich steh hier neben einem versiegelten Boot im Nordwind.
Theo: Das war der Bordfunk. Von Nammert. Ich bin Theo, und ich behalt jetzt meine Hände in den Taschen. Morgen bin ich bei jemand Neuem. Tschüss!
Halb zehn auf einem Steg auf Mallorca, der Nordwind hat die ganze Nacht gepfiffen. Lucía, Marinera im Hafen, holt Theo mit dem Schlauchboot ab und zeigt ihm, wer heute an ihrem Wartesteg liegt: ein weißes Motorboot mit rot weißem Band am Cockpit. Ein deutscher Skipper ist gestern vor einem Strand innerhalb der gelben Bojen durch den Badebereich gefahren, das Polizeiboot hat das Boot festgesetzt und versiegelt. Frei wird es erst, wenn er eine Kaution stellt. Lucía will wissen: Wer zahlt die Kaution, wenn das Boot festgesetzt wird? Lucía spricht Spanisch, Theo fasst auf Deutsch zusammen.
Der erste Aha-Moment: Der Eigner hat Lucía erzählt, er sei vollkaskoversichert, also alles. Die Kasko hilft hier aber gar nicht. Beschlagnahme und andere hoheitliche Eingriffe sind dort als Gefahr ausdrücklich ausgeschlossen, und eine Kaution ist ohnehin kein Schaden am Boot.
Der zweite: Hilfe kommt aus der Haftpflicht, obwohl niemand verletzt und nichts kaputt ist. In Basis Plus und Premium stellt sie im Ausland ein kurzfristiges Darlehen für die Kaution, wenn dem Skipper ein Verstoß gegen eine Verkehrsvorschrift vorgeworfen wird und das Boot deswegen beschlagnahmt ist: bis 50.000 Euro in Basis Plus, bis 200.000 Euro in Premium, nie mehr als der Wert des Boots. Geschenkt ist das nicht. Das Geld geht zurück, sobald die Kaution erstattet ist, spätestens einen Monat nach der Auszahlung. In der Basis-Haftpflicht steht dagegen ausdrücklich, dass die Sicherheitsleistung bei einer Beschlagnahme im ausländischen Hafen allein Sache des Versicherten ist.
Der dritte: Der Rechtsschutz für Wassersportler gilt in Europa und damit auch auf Mallorca. Er streckt die Kaution in allen drei Tarifen als zinsloses Darlehen bis 200.000 Euro vor, die ersten 1.000 Euro der Sicherheitsleistung trägt der Versicherte selbst. Und er zahlt die Verteidigung, auch wenn der Skipper selbst schuld ist; erst wenn ein Gericht rechtskräftig Vorsatz feststellt, müssen die Kosten zurück. Zum Schluss sagt Lucía trocken, was sie dem Eigner beim Abholen sagen wird: Die gelben Bojen sind keine Deko.
Shownotes
Dazu passt